Auf einer Skala von 1 – 10

Auf einer Skala von 1 – 10

17. April 2020 0 Von Ronja

Rezension Werbung

Autor: Ceylan Scott
Preis: 15,00 €
Seitenanzahl: 224
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Übersetzer: Beate Schäfer
Verlag: Chicken House (Carlsen)
Leseprobe: >> gibt es hier <<


Inhalt:

Iris ist tot. Und Tamar sitzt in Lime Grove, einer geschlossenen Jugendpsychiatrie, wo sie den ganzen Tag lang sinnlose Fragen beantworten soll. Wie fühlst du dich, auf einer Skala von 1 bis 10? Du weißt schon, dass du dich nicht normal verhältst? Was genau ist eigentlich passiert? Aber Tamar sagt nichts. Sie kann einfach nicht erzählen, was mit Iris geschehen ist. Das Monster lässt es nicht zu.

Packend, echt, mitfühlend – dieser Insiderroman liest sich wie ein Thriller und sensibilisiert für die dramatischen Ausmaße psychischer Krankheiten.


Meine Meinung:

Da ich selbst so einige Erfahrungen mit psychischen Problemen, Psychiatern und Psychiatrien habe, bin ich immer zu haben für Bücher über diese Thematik.
Dementsprechend habe ich mich sehr gefreut, als ich dieses Buch in Händen halten durfte.

Ehrlich gesagt hatte ich tatsächlich etwas mehr von dem Buch erwartet, auch wenn die Umsetzung der Thematik wirklich sehr gut ist. Besonders die Darstellung der Wechsel zwischen psychotischen Schüben und ruhigen Phasen fand ich sehr gelungen. Dieses Gefühl machtlos zu sein, obwohl man weiß, dass eigentlich alles ,,in Ordnung” ist…
Wer selbst solche Erfahrungen gemacht hat, wird wissen, dass man oft selbst denkt, wie schwachsinnig man sich gerade verhält… und doch kann man einfach nicht anders… Diese Gedanken, Ängste, Zwänge im Kopf, die einen beherrschen, von denen man doch oft weiß, dass sie unbegründet sind… und doch handelt man nach ihnen, weil es einfach nicht anders geht…

Ich habe selbst so einen Begleiter… chronische PTBS… Posttraumatische Belastungsstörung. Und oft verhalte ich mich für Mitmenschen, die mich nicht schon länger kennen, eigenartig… Ich weiß, dass einige Dinge Schwachsinn sind und doch kann ich nichts dagegen tun.
Ein Beispiel:
Ich liege abends in meinem Bett und schaue einen Film. Bis auf eine kleine Lampe, mit der ich auch schlafe, ist alles Licht aus. Ich schalte den Fernseher aus und lege mich hin zum Schlafen. Ich muss die Decke über meinen Kopf ziehen, weil ich Angst habe, dass mir sonst etwas passiert… Völliger Unsinn… Grade eben war der Fernseher noch an, da konnte ich ohne Decke über dem Kopf im Bett liegen. Die Grundsituation hat sich nicht verändert. Ich weiß es, aber meine Psyche sieht das ganz anders.

Diese Gedankenspirale ist wirklich beeindruckend in der Geschichte dargestellt worden.
Das gesamte Konzept des Buches wirkt sehr stimmig. So spiegelt auch die Erzählweise einen nicht strukturierten, klaren Geist. Der Schreibstil wirkt sprunghaft, durcheinander, schwankt zwischen längeren Episoden und nur kurzen Momentaufnahmen. Auch zeitlich springen wir immer wieder hin und her zwischen dem jetzigen Klinikgeschehen und den Ereignissen, wie es dazu überhaupt kommen konnte.
Auch das Zusammenspiel der verschiedenen Patienten und ihren jeweiligen Erkrankungen ergaben ein durchweg rundes Bild für mich. Die Atmosphäre und das Verhalten der Ärzte und Pfleger erinnerte mich an meinen eigenen Aufenthalt in der Psychiatrie, wenn es auch keine geschlossene war. Was nun allerdings nicht durchweg positiv zu verstehen sein soll, aber dazu gleich mehr.

Erst möchte ich nun einmal auf Tamar eingehen. Als die junge Protagonistin von dem Tod ihrer Freundin erfährt, steht für sie fest, sie sei Schuld an diesem. Sie fühlt sich wie Iris’ Mörderin! Sie rutscht in die Depression und beginnt sich selbst zu verletzen. Ihr Denken und ihre Gefühlswelt erschien mir im großen und ganzen sehr schlüssig, wenn man ihre Erkrankung miteinbezieht.
Letztlich landet sie in Lime Grove, einer geschlossenen Jugendpsychiatrie. Hierzu muss sich eigentlich jeder Leser selbst ein Bild machen, doch ich möchte noch ein paar negative Kritikpunkte anbringen:
Die Therapieart an sich fand ich persönlich unrealistisch. Wir erfahren recht wenig über die Klinikzeit an sich und Gruppentherapien, die zumindest in Deutschland, zu so gut wie jedem Psychiatrischen Therapieprogramm gehören, gibt es nicht. Ich weiß nicht, ob dies in anderen Ländern anders ist. Dies ist auch generell der Punkt von dem ich im Buch mehr erwartet hätte. Die Therapiesitzungen, also die Einzelgespräche weckten bei mir Erinnerungen an meine behandelnde Ärztin damals… Sie war eine Katastrophe… *lach*

Dies soll nun aber nicht das ganze Buch schlecht machen, denn es ist wirklich ein absolut gelungenes Debüt!

Zum Ende hin zeigt uns die Autorin, dann auch noch eine wichtige Seite, was Therapie an sich angeht: Vieles hängt einfach am Patienten. Ärzte und Therapien sind an sich ,,nur” Hilfestellungen. Der Patient trägt einiges zu seinem Genesen oder eben nicht bei.

Abschießend möchte auch ich noch einmal daraufhinweisen, das Buch hat nicht umsonst hinten auf dem Einband eine Trigger-Warnung stehen. Es enthält doch einige sehr harte Szenen und ich denke grade junge Leser, die ähnliche Probleme haben und mit diesen noch nicht wirklich abgeschlossen haben, werden beim Lesen doch einige unangenehme eigene Gedanken finden.
Ich selbst hatte doch mit einer noch heftigeren Geschichte gerechnet, doch darf man hier auch nicht die Altersempfehlung vergessen und gerade auch eben diese Trigger-Warnung.